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Shakespeare / Die ganze Stadt wird zur Bühne: Warum Stratford süchtig macht (Friedrich Mielke in: Rheinischer Merkur, Nr 36, 2003) Unser Willi ist der Beste
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Rosalind lehnt an der Bar, Petruchio verspeist sein Steak: Bildungshunger und Wissensdurst können eine ziemlich sinnliche Erfahrung sein. Richard III. triumphiert. Sein Plan geht auf, er hat die Zuschauer eingeweiht und eingewickelt. Eine teuflische Kumpanei entsteht zwischen dem Dämon und dem Publikum, das in Stratford-upon-Avon das Genie von William Shakespeare sucht. Während Buckingham das Komplott fördert, verfallen die Zuschauer Richards Raserei. Der perverse Richard zeigt seine menschlichen Seiten. Er ist schwach und stark zugleich. Der Satan und Dämon fasziniert: Sind wir alle wie Richard III.? Sind wir alle Verführer, Besessene und skrupellose Tyrannen? Auf der Bühne der grausame Richard, vor dem Theater die perfekte Idylle: Die Royal Shakespeare Company spielt im großen Saal am River Avon. Zur Pause steht der Zuschauer am Fluss. Schwäne schwimmen heran, Gänse schwärmen vorbei, Kähne gleiten den Avon hinunter, die Trinity Church grüßt über dem Wasser. Dort liegt Shakespeare begraben. Hinter der Schleuse steht seine Statue, und in der Henley Street wurde er geboren. In Stratford ist Shakespeare überall. Wer an den Avon reist, begegnet dem Geist des großen Dichters hautnah. Geheimnisvoll, beschaulich und romantisch ist das kleine Stratford, Wallfahrtsort für Shakespeare-Pilger und liebenswerte Idylle von Warwickshire. Hier entsteht Theatergenuss in kleinstädtischer und ländlicher Atmosphäre - ein Zentrum englischer, europäischer und weltliterarischer Kultur. Doch Achtung: Wer sich zu sehr dem Zauber hingibt, wird leicht theatersüchtig. Vor Stratford sei gewarnt. Im Restaurant „The Dirty Duck" gegenüber der Royal Shakespeare Company scheint der englische Dichter weiterzuleben. Theaterfreunde kommen und gehen. Eine schwarze Shakespeare-Büste überragt die Bar. Auf dem Sockel steht „All the world's a stage . . ." Und während Jacques in „Wie es euch gefällt" auf der Bühne des Swan Theatres seinen berühmten Monolog aufsagt, essen, trinken und plaudern die Gäste im Dirty Duck nach Herzenslust. Die meisten Kunden sind im vierten, fünften oder sechsten Alter des Lebenswegs, den Shakespeare in den „Seven Ages of Man" beschreibt - „mit besocktem hagern Pantalon, Brill auf der Nase und Beutel an der Seite..." Shakespeare-Zitate schmücken die Wände, und Fotos von Bühnenkünstlern bezeugen die Tradition der Royal Shakespeare Company. Richard Burton war da! Es ist „the sixth hour; when beasts most graze, birds best peck & men sit down to that nourishment which is called supper". Das Bier fließt, das Steak schmeckt, und wer als Buckingham, Petruchio oder Rosalind auf der Bühne stand, lehnt jetzt locker an der Bar. Im Dirty Duck entsteht jeden Abend ein barockes, sinnliches Fest. Hier fordert der Herzog aus „Wie es euch gefällt" Orlando auf: „Setz dich und iss, und sei willkommen an unserem Tisch!" In Stratford stehen zwei Theater am River Avon: der große Saal der Royal Shakespeare Company (RSC) und das kleine Swan Theatre. Das „Swan" wurde 1986 auf den Überresten des Theaters von 1879 gebaut, das 1926 abbrannte. Die Bühne des Swan reicht in den Zuschauerraum hinein. Das Publikum sitzt den Schauspielern zum Greifen nah. Das Theater erinnert an das elisabethanische „Globe". Seine Architektur ähnelt der Londoner „Glorie des Ufers." Die Schauspieler springen von den Gängen auf die Bühne; Intimität entsteht durch kurzes Parterre und flache Ränge. Wenn der Ardenner Wald aus Schafen und Böcken entsteht, geht das Publikum in den Forest of Arden über. Und wenn Jacques die Welt als Theater beschreibt, spaziert er durch die Zuschauer und macht jeden zum Komplizen: „ . . . Der letzte Akt, mit dem die seltsam wechselnde Geschichte schließt, ist zweite Kindheit, gänzliches Vergessen, ohn' Augen, ohne Zahn, Geschmack und alles." Die Welt als Bühne wird von Edmund Moriarty im Swan Theatre läppisch vorgetragen. Kein Pathos - eher Beiläufigkeit für Zeilen, die jeder Shakespeare-Freund kennt und liebt. „Das ist der Überraschungseffekt dieser Inszenierung", meint eine ältere Dame, die zum Shakespeare-Seminar aus York angereist kommt. Sie gibt Regisseur Gregore Thompson gute Noten: „Eine Inszenierung ist dann gelungen, wenn sie überrascht und verfremdet. Stratford ist kein Museum. Auch ,Wie es euch gefällt' bietet Raum für Experimente." In der Pause ermöglicht das Swan den Auslauf in die Theatre Gardens zwischen Avon und der Straße Waterside. Auch hier fällt der Blick auf Fluss, Schwäne und Kirche. Im Garten lässt sich die handgesteuerte Fähre beobachten. Am Seil wird sie über den Avon gekurbelt. Der Fluss fördert das Gefühl für den Kontrast zwischen Idylle und Bühnenspannung im Theater: draußen stille Natur und drinnen die Dramatik der Sprachkunstwerke. Ein Vergleich mit Weimar und Bayreuth drängt sich auf. In Stratford fehlen Pomp, gesellschaftlicher Dünkel und die Zweifel der Deutschen: Gibt es noch Klassiker? Sind Goethe und Schiller noch modern? Ist Wagner zumutbar? Keine Fragen in Stratford: Shakespeare ist immer modern. Goethe auch, nur wissen es die Deutschen kaum. Britische Theaterfreunde verschwenden keinen Gedanken an die Frage, ob der Jahrtausenddichter William Shakespeare zum Kanon gehört. Engländer haben eine stabile kulturelle Identität. Ihre Beziehung zu Shakespeare ist ungebrochen: Sie lieben ihn. In Stratford fühlt man dies auf Schritt und Tritt. Auch in der geschmackvollen Auswahl von Souvenirs: Mini-Ausgaben in Leder, Hörkassetten und Postkarten mit Bühnenfotos. Der übergroße Shakespeare wird dezent präsentiert. Wir wollen Shakespeare allgemein verständlich und zugängig machen", sagt Dean Askar, Pressesprecher der RSC. Jede Inszenierung habe einen anderen Touch. Strengste Texttreue sei Voraussetzung für eine erfolgreiche Shakespeare-Aufführung. So wurde Richard III. ins 19. Jahrhundert versetzt. Die Gentlemen am Hofe bewegen sich im Viktorianischen Zeitalter. Maschinengewehre erinnern beim Endkampf an den Ersten Weltkrieg. Der Richard in Stratford sei sehr menschlich: „Der Tyrann ist hilflos. Er kann nicht mit Macht umgehen und scheitert. Das Vorurteil vom Verbrecher wird revidiert: König Richard wirkt fast sympathisch in seiner Hilflosigkeit." Der neue Artistic Director der RSC, Michael Boyd, hat ein anspruchsvolles Programm für 2004 - die großen Tragödien und „Romeo und Julia". Nach den Komödien und Historien werden jetzt „Hamlet", „Macbeth", „Othello" und „King Lear" inszeniert. 2004 wird spannend. Die Royal Shakespeare Company lädt täglich zum Theaterfest um 19.30 Uhr. Samstags wird auch um 13.30 Uhr gespielt. Im großen Saal am Flüsschen und im kleinen Swan Theatre entsteht Schauspielkunst auf Weltniveau. Henry Goodman gibt den Richard III., Alexandra Gilbreath fetzt als „Widerspenstige", Nina Sosanya spielt eine selbstbewusste Rosalind, und David Horovitch ist Cynbeline, König von England im archaischen Britannien, das sich im Machtkampf mit Rom überraschend zeitgemäß präsentiert: die Großreiche England und Amerika vereint im Kampf gegen das Böse, Saddam und die Schurken. Am Ende von „Cymbeline" stehen die Kämpfer blutüberströmt auf der Bühne. Parallelen zu Terroranschlägen in Bagdad und Jerusalem liegen nahe. Der Schulterschluss zwischen George W Bush und Tony Blair als Schicksal Britanniens im Jahre 2003. Dichtung und Politik - bei Shakespeare selten getrennt. Die Inszenierungen der Shakespeare-Dramen in Stratford bieten ein Dauerfest. Bis Mitte November werden abwechselnd sechs Stücke gespielt. Wer Freitag und Samstag kommt, kann drei Aufführungen in zwei Tagen genießen. Sonntag ist Ruhetag. Vom 3. zum 4. Oktober werden zum Beispiel „Richard III.", „Cyrnbeline" und „Wie es euch gefällt" gegeben. Vom 24. zum 26. Oktober stehen zusätzlich Titus Andronicus" und „Der Widerspenstigen Zähmung" auf dem Spielplan, die ausnahmsweise am Sonntag um 15 Uhr gespielt wird. „Maß für Maß" läuft bis zum 4. November. Dazwischen bietet die RSC „The Tamer Tamed", die Fortsetzung der „Widerspenstigen" von John Fletcher: Petruchio heiratet zum zweiten Mal und wird von seiner zweiten Frau Maria gezähmt. Im kalten Februar stet die Shakespeare-Fabrik von Stratford still. Im „grausamsten" Monat April (T. S. Eliot), wenn die „süßen Regenschauer" (Chaucer) die neue Saison begleiten, kehren die Großmeister der Schauspielkunst nach Stratford zurück: Hamlet ist wieder da. "The ming of the Shrew", "Der Widerspenstigen Zähmung", ist ein Riesenerfolg im großen Saal. Alexandra Gilbreath spielt Kate, Jasper Britton Petrachio. Das ungleiche Paar rauft sich zusammen. Intimität, Sympathie und Ehrlichkeit vereinen die Liebenden - eine „Verschwörung der beiden gegen den Rest der Welt", meint der Kritiker Harold Bloom. Als romantische Komödie und Farce braucht "The Shrew" keine Rechtfertigung. Gilbreath und Brittan bilden ein zärtliches Paar. Der Geschlechterkampf endet in Eintracht: Kate und Petruchio genießen die Freuden der ehelichen Lust, die anderen Paare werden durch Frust und Stolz getrennt. Das Publikum wird in Stratford verwöhnt. So kann das Pausengetränk vor der Aufführung bestellt und bezahlt werden. Kein Anstehen und Gedränge während der Pause. Man greift nach dem bereit gestellten Getränk, steht an der Reling und blickt auf Fluss, Mond und Schwäne. Dabei ist „guter Wein ein gutes, geselliges Ding, wenn man mit ihm umzugehen weiß". Shakespeare hat alles gesagt, doch nie hat man ihn ganz verstanden. Das macht ihn verführerisch: Von der „Widerspenstigen" führt der Weg über die Schleuse zu Prinz Hamlet: In Sichtweite der Royal Shakespeare Society stehen Lady Macbeth, Falstaff und Hamlet unter dem Shakespeare-Standbild am Kanalbecken. Auf dem Avon schwimmen Hausboote und Pullkähne, Spaziergänger lustwandeln im Park. Stratford lädt zum Bummeln ein. An der Henley Street locken britische Souvenir-Läden, Shakespeare-Geburtshaus und ein Buchladen mit Poster, Postkarten, Gesamtausgaben, Tonbandaufnahmen und Shakespeare-Kritik. Wer hier sein Geld festhält, zeigt Disziplin bei großer Versuchung. Unwiderstehlich das Poster mit den „Seven Ages of Man": Kleinkind, Schuljunge, liedestoller Jüngling, Soldat, Richter, alter Man und Greis bilden als „seltsam wechselnde Geschichte" das Leitmotiv der Saison in Stratford. Shakespeare gehört allen Menschen. Anders als die Bibel, so Harold Bloom, sei Shakespeares Werk einmalig in der Kultur der Welt. Hamlet und Falstaff, Rosalind und Jago, Lear und Kleopatra seien mehr als Rollen für Schauspieler. „Englisch ist schon jetzt die Weltsprache und wird es wohl im 21. Jahrhundert noch mehr werden. Shakespeare, der beste und alles überragende Schriftsteller englischer Sprache, ist schon jetzt der einzige universale Autor..." Shakespeare zu erklären sei ein endloses Unternehmen. Seiner Universalität sind wir nicht gewachsen, seine Stücke wissen mehr als wir. In Stratford begegnet jeder Besucher seinem Shakespeare. Wer die Biografie sucht, findet genügend Anregungen — das Geburtshaus, Anne Hathaway's Cottage, den zweistündigen „Shakespeare Walk", das Grab, den Fluss. Wer die Bühne sucht, hat sechsfache Auswahl: „Cymbeline" reißt mit, „Wie es euch gefällt" verzaubert, „Richard III." fasziniert, die „Widerspenstige" begeistert und „Maß für Maß" führt hinein in die Phantasiewelt des Zauberdichters. Die Komödie „The Tamer Tamed" wurde 20 Jahre nach der „Widerspenstigen" geschrieben. Sie passt perfekt in Geist, Zeit und Sinn der Shakespeare-Welt. Vier Aufführungen in drei Tagen befriedigen den Theaterfreund nicht; sie regen den Appetit an und nähren die Lust auf mehr. Vor Shakespeare sei gewarnt: Ganz Stratford ist eine Bühne, und die Bühne ist die Welt. Stratford macht shakespearesüchtig. Je anmutiger der Ort, desto größer die Sucht. Doch die Weihestätte hält auch das Gegenmittel bereit: Wer der Sucht nicht verfallen will, muss Polonius' Rat an Laertes folgen („Hamlet") und keinem „unproportionierten Gedanken die Handlung folgen lassen". Links: www.rsc.org.uk / www.stratford-upon-avon.co.uk
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