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GROSSBRITANNIEN

GEFANGENE DER GESCHICHTE

Für viele Engländer geht der Zweite  Weltkrieg nie zu Ende. Es macht einfach zu viel Spaß, die Deutschen zu bepöbeln.

So hatten sich die beiden Realschüler aus Harsewinkel bei Gütersloh ihre Klassenfahrt nicht vorgestellta.

Als am letzten Abend ihres Aufenthalts in London bei den Gasteltern im Stadtteil Morden zwei englischeTeenager klingelten und sie zum Fußballspielen einluden, gingen sie erfreut mit. Kaum waren sie um die Ecke gebogen, lauerten dort über zehn englische Jugendliche, die lautstark gegen alles Deutsche pöbelten und die Schüler angriffen. Einer bekam Schläge ins Gesicht und wurde in ein Gebüsch geworfen, dem anderen die Brille zertrümmert; schließlich konnten sich die Jugendlichen, einigermaßen verstört, ins Haus ihrer Gasteltern retten.

Solches ."Kraut bashing" der ahandgreiflichen Art ist die Ausnahme. Doch die Ressentiments gegen die Sauerkrautfresser werden in England heftiger und weiter verbreitet, Vorurteile gegen alles Deutsche liebevoller gepflegt als irgendwo sonst in Europa. Auch 57 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs sehen viele Engländer in Deutschland nicht ihren größten Handelspartner, sondern noch immer den Nazi-Staat. Die meisten „Germans'", die für englische Firmen arbeiten, werden von ihren Kollegen häufiger mal mit einem fröhlichen "Heil Hitler" begrüßt, und immer wieder wachsen sich diese maßlos spaßig empfundenen Remmiszenzen ans Dritte Reich zu echtem Mobbing aus.

So wurde der dänische Marketingdirektor Ralph Kappler von einem Vorgesetzten in der Londoner Niederlassung eines internationalen Kommonikationskonzerns gefragt, ob die Sitze in Lufthansa Maschinen noch immer mit Menschenhaut bezogen werden. Kappler protestierte, wurde fortan geschnitten und bald entlassen. Der Manager bekam eine Abfindung und bemüht sich weiterhin trotzig im Vorstand der British-German Association um dieVölkerfreundschaft.

Der Berliner Computerexperte Jens Puhle wartet noch auf dieVerhandlung seiner Klage wegen „rasssistischer Diskriminierung" in Bristol. Mitarbeiter beim Handy-Hersteller Motorola hatten ihn und einen Bonner Kollegen Tag für Tag als „Obersturmbandführer", "Hitlers Henker" oder  „fucking German prick"(sinngemäß etwa: scheißdeutscher  Schwanz) angeredet. Nach einem Jahr ertrug Puhle das Spießrutenlaufen nicht mehr und kündigte.

Viele Deutsche versuchen angesichts der tumben Beleidigungen, ihren - zwangsläufig an die Nazis aus den Kriegsfilmen erinnernden - Akzent so weit wie möglich zu verbergen. Englische  Gasteltern raten deutschen Sprachschülern, sich als Holländer oder Skandinavier auszugeben.

Die englische Verachtung für die Krauts reicht bis zum Ersten Weltkrieg zurück, als sich für Kaiser Wilhelm und seine Untertanen der Begriff „Hunnen' einbürgerte. Im Zweiten Weltkrieg wurden die Deutschen endgültig zum Synonym für machtbesessene arrogante Herrenmenschen.

Bis heute ist das Deutschland Bild der meisten Engländer von Dokumentarfilmen über Nazi-Deutschland, Kriegsfilmen und den regelmäßigen Ausfällen der Boulevardblätter geprägt -geradezu zwanghaft mobilisieren sie vor jedem deutsch-englischen Fußballspiel die Fans zur Schlacht gegen die „German tanks" oder "Fritz".

Am tiefsten ins kollektive Bewusstsein der Briten ist die BBC-TVSerie "Fawlty Towers" eingegraben. Darin mimt der Monty-Python-Komiker John Cleese einen Hotelier, der vor dem Eintreffen deutscher Gäste die Parole "Don't mention the war" ausgibt, um dann selbst im Stechschritt durch seine Herberge zu paradieren.

Fest zwangsläufig halten sich die Briten keineswegs an den Ratschlag, den Krieg nicht zu erwähnen. Im Gegenteil: Viele lnsulaner beschäftigen sich genauso obsessiv mit dem Zweiten Weltkrieg, wie es - aus Gründen der Vergangenheitsbewältigung und durchaus selbstkritisch -die Deutschen tun. Denn auch die Briten sind Gefangene ihrer Geschichte, die sie für den Kampf gegen Hitler mit dem Verlust ihres weltumspannenden Empires bestrafte.

Angesichts des Angriffs auf die Realschüler forderte der deutsche Botschafter in London, Thomas Matussek, die Engländer mögen doch bitte endlich die auch den Briten zu verdankende „Erfolgsgeschichte der deutschen Demokratie" seit 1945 zur Kenntnis nehmen. Schulen sollten ihre Geschichtslehrpläne modernisieren und Blattmacher die „Wiederholung von Klischees" unterlassen. Kommentatoren des liberalen „Guardian" pflichteten dem Botschafter zerknirscht bei.

Gleichwohl laufen die Versuche von Deutschen,sich gegen die Diskriminierung zu wehren, gewöhnlich ins Leere. Wer Nazi-Witze nicht komisch finden, hat eben - typisch deutsch -keinen Sinn für Humor. Zudem, so das Killer-Argument, hätten die Deutschen schließlich beide Weltkriege angefangen.

Zu einer Entschuldigung für den Angriff auf die deutschen Schüler konnte sich denn auch niemand durchringen. Die Englischlehrerin der beiden hatte sich bei der britischen Botschaft in Berlin und beim Britischen Fremdenverkehrsverband beschwert.

Beide Institutionen fanden es nicht einmal der Mühe wert, die Briefe zu beantworten.

Michael Sontheimer in: Der Spiegel, 51, 2002